Christian Braad Thomsen // Kollektiv Film ApS.

Deutscher Film in Dänemark

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Christian Braad Thomsen
Deutscher Film in Dänemark

Anfang der 1970er-Jahre hätte ich es mir bestimmt nicht träumen lassen, irgendwann einmal in näherem Kontakt zum Goethe-Institut zu stehen, das damals noch Deutsches Kulturinstitut hieß, vermutlich aus der Überlegung heraus, dass Goethe den meisten Dänen wohl etwas verstaubt und antiquiert vorgekommen wäre. Aber ehrlich gesagt, war damals ja alles Deutsche verstaubt, auch in meinem Bewusstsein. Ich nährte sogar einen Widerwillen gegen die deutsche Sprache, die ich mich geweigert hatte, auf dem Gymnasium zu lernen. Wenn man 1940 geboren ist, das heißt zu Zeiten der Nazi-Invasion in Dänemark, ist man mit einem starken Widerwillen gegen alles Deutsche aufgewachsen. Diese Abneigung machte auch nicht vor der Sprache halt, die in meinen Ohren einen unschönen militärischen und kommandoartigen Klang hatte. Dem Satiriker Karl Kraus muss es ungefähr genauso ergangen sein, als er kurz vor seinem Tod 1936 seufzte, dass sich Deutschland nun von einem Land der Dichter und Denker in das Land der Richter und Henker verwandelt hätte.

Ich änderte meine Meinung über die deutsche Sprache erst, als ich Rainer Werner Fassbinders zwei radikale Sprachfilme Die bitteren Tränen der Petra von Kant und FontanesEffi Briest sah. Hier erlebte ich, wie geistvoll und poetisch selbst die deutsche Sprache sich entfalten konnte. Es war fantastisch, dass ausgerechnet zwei Filme mir dieses Erlebnis vermitteln konnten, denn traditionell wird ja mit einer dezidierten Grenze zwischen Film und Sprache operiert: Je mehr in einem Film gesprochen wird, umso weniger filmisch ist er. Doch nichts sollte der Filmkunst fremd sein. Film muss nicht Action sein, kann aber auch Reflexion sein. Die Hauptsache ist nicht, dass der Film sich bewegt, sondern dass das, was er ausdrückt, bewegt. Fassbinder meinte demnach, dass man auch die deutsche Sprache selbst filmen könne, und dies tat er dann so bewegend, dass die Sprache in den Ruinen des Nazireichs neu geboren wurde, in denen er ja auch selbst geboren war. 
Kein dänischer Filmverleiher jedoch konnte Fassbinder etwas abgewinnen, und nachdem ich jahrelang begeistert über seine Filme in der Zeitung ‚Information‘ und bei Danmarks Radio berichtet hatte, beschloss ich letztendlich, seine Filme selbst ins Land zu holen. Das konnte nur ein Verlustgeschäft werden, denn der deutsche Film drang damals zu keinem breiteren Publikum durch wie es heute der Fall ist. Aber es war wichtig, und an dieser Stelle trat auch das Goethe-Institut auf den Plan, indem es die notwendige PR-Arbeit für die Filme unterstützte.

Auf diese Weise entstand eine lebenslange Verbundenheit mit sowohl dem Goethe-Institut als auch dem deutschen Film. Über Fassbinder lernte ich weitere deutsche Regisseure kennen, vor allem Reinhard Hauff, der Fassbinder in einem seiner Filme als Schauspieler eingesetzt hatte, und Margarethe von Trotta, die umgekehrt ihre Filmkarriere als Schauspielerin bei Fassbinder begonnen hatte. Ihre Filme begann ich auch neben Filmen von Regisseuren zu importieren, die in der Öffentlichkeit weniger bekannt waren: Herbert Achternbusch, Joseph Rödl, Walter Bockmayr, Frank Ripploh, Jutta Brückner, Wolf Gremm und Jean-Marie Straub. 
Sie alle zeichneten sich durch eine große künstlerische Integrität aus, die auch ins Mürrische und Idiosynkratische übergehen konnte. Das gilt insbesondere für Herbert Achternbusch, dessen berühmtester Film Das Gespenst (Kors for et spøgelse, 1982) zweifellos der Film ist, der in einem dänischen Kino die niedrigste Besucherzahl zu verzeichnen hatte: es kamen acht zahlende Zuschauer, bevor er wieder abgesetzt wurde. Der Film handelt davon, dass Jesus nach 2000 Jahren genug davon hat, am Kreuz zu hängen, und wieder auf die Erde hinabsteigt, wo er sich in der Welt umschaut wie ein Gespenst aus der Vorzeit – und sich über das wundert, was es sieht. 
Im katholischen Bayern wurde der Film als Blasphemie aufgefasst, und der deutsche Innenminister Friedrich Zimmermann strich - entgegen sachkundigem Rat - Achternbusch von der Liste förderwürdiger Regisseure mit der Begründung, dass diese Schweinerei nicht in die westdeutsche Gesellschaft gehöre. Mit seiner gutmütigen Pfiffigkeit kommentierte Achternbusch: 
„Ich habe Perlen vor die Säue geworfen, die mir vorwarfen, ich würfe Schweine vor die Perlen - Aber Ehre haben sie mir damit angetan wie einem großen Künstler. So klein können die mich gar nicht machen, wie ich bin, das wusste ich.“ 
Obwohl Achternbusch also in Deutschland nicht mehr gefördert wurde, konnte dennoch die PR-Arbeit für seinen Film vom Goethe-Institut unterstützt werden, was ein beredtes Beispiel dafür ist, dass das Institut keine automatische Verlängerung der offiziellen deutschen Kulturpolitik ist, sondern es versteht, selbstständige künstlerische Wertungen vorzunehmen und solche Filme zu unterstützen, die ungeachtet ihrer kontroversen politischen oder religiösen Haltungen künstlerische Originalität besitzen.

Bei anderen Gelegenheiten lud das Goethe-Institut Regisseure und Schauspieler zur Dänemark-Premiere ihrer Filme ein, was eine gewisse, wenn auch bescheidene Presseerwähnung zur Folge hatte. Und ganz ohne Blessuren ging es auch in diesen stark polarisierenden Jahren der 70er und 80er nicht ab, um es mit einem Filmtitel von Margarethe von Trotta „Die bleierne Zeit“ auszudrücken. Dass es auch in Dänemark „bleischwere“ Jahre waren, bekam Goethe-Institut-Direktor Friedrich Schmöe zu spüren, als er und ich Margarethe von Trotta zur Dänemark-Premiere des Terroristenfilms Das zweite Erwachen der Christa Klages 1979 eingeladen hatten. Die Premiere fand in den intimen Räumen des Kinos ‚Biografen i Huset‘ statt, wohin wir 75 Gäste zum Empfang eingeladen hatten. Plötzlich wurde der Empfang von der Polizei unterbrochen, die in den Raum gestürmt kam und alle Anwesenden nach draußen beorderte, was für Dr. Schmöe und Frau von Trotta ein ziemlich ungewöhnliches Erlebnis war. Durfte man nun nicht einmal mehr einen Empfang für einen zugegebenermaßen etwas kontroversen deutschen Film veranstalten? 
Am nächsten Tag teilte man uns den Grund für die Polizeiaktion mit: in einem anderen Raum des Hauses fand zur gleichen Zeit ein friedliches Anarchisten-Treffen mit mehreren hundert Teilnehmern statt. Zwei Polizeibeamte in Zivil hatten sich unter die Versammelten gemischt. Sie wurden erkannt und mit dem Ausruf „hier riecht’s nach Panzern“ empfangen, was vorauszusehen war, denn was hatten Polizisten in Zivil auf einer unproblematischen politischen Versammlung zu suchen. Die einzigen, die nicht friedlich reagierten, waren die beiden Beamten. Sie ließen Verstärkung kommen und nun trotzte die Polizei den Worten des Grundgesetzes über die Versammlungsfreiheit, indem sie das gesamte ‚Huset‘ räumen ließ. Nicht nur die Anarchisten wurden auf die Straße gesetzt, sondern auch die Gäste des Musikcafés und des Kinos. 
Margarethe von Trotta wunderte sich über die Situation. Sie war nach Dänemark gekommen, um über die Filme zu sprechen, die sie teils selbst und teils zusammen mit ihrem Mann, Volker Schlöndorff, darüber gemacht hatte, dass man u. a. als Reaktion auf Polizeiübergriffe Gefahr läuft, Terrorist zu werden. Was ihr durch die dänische Polizei widerfuhr, könne ihrer Meinung nach in Deutschland jedoch nicht passieren.

Es war jedoch wichtig, deutlich zu machen, dass die antidemokratischen und faschistoiden Tendenzen, die die Polizeiaktion prägten, auch hinter Teilen der Studenten- und Frauenaufstände der Vergangenheit lauerten. Und auch das bekam das Goethe-Institut zu spüren. Jede aufständische Bewegung läuft diese Gefahr, dass sie es sich, weil sie sich ihres Rechts sicher ist, auch erlauben kann, das Recht außer Funktion zu setzen. In Deutschland kamen diese Tendenzen in den 70er-Jahren bei RAF-Terrormorden an Bankdirektoren, hohen Richtern und Politikern zum Ausdruck; in Dänemark entfaltete sich dieses Rechthabertum friedlicher, jedoch nicht weniger drastisch, als eine anonyme BZ-Gruppe 1986 die Bibliothek des Goethe-Instituts angriff und drei- bis viertausend deutsche Bücher mit Farbe zerstörte. Als ich später mit der Institutsbibliothekarin, Marilen Daum, diskutierte, ob es Sinn mache, von einer deutschen und einer dänischen Mentalität zu sprechen, unterbrach sie mich mit den unvergesslichen Worten: „Ach, wir Deutschen, wir sind doch im Grunde ganz genau wie ihr, wir sind es nur deutlicher!“ 
Die Wochenzeitung København hingegen unterstützte die BZ-Aktion politisch: Die Bücherzerstörung war ein Protest dagegen, dass die westdeutsche Polizei in Hamburg einige BZ-Kommunen geräumt hatte, und die Wochenzeitung teilte triumphierend mit, dass nach dieser Racheaktion „die dänische Abteilung der deutschen Kultur in Trümmer gelegt, die Regale umgeworfen seien, und der preußische Kulturschatz in ziemlich undeutscher Unordnung läge.“ Es wurde weiter behauptet, dass man im Kulturinstitut keine Literatur finden könne „die den Hintergrund und den Inhalt der Kultur beschreibt, die die westdeutschen Behörden versuchen würden zu zerschlagen.“ (30.10.1986). 
Das war auf eigene ironische Weise richtig, denn jene Bücher wurden von den BZ-lern zerstört. Sie stammten von Schriftstellern wie Heinrich Böll, der jahrelang als Terroristen-Sympathisant beschuldigt wurde, weil er darauf bestand, dass die Regeln des Rechtsstaates auch gegenüber denen einzuhalten sind, die diesen Staat bekämpften, und von Peter Schneider, dem eine Professorenstelle verweigert wurde, weil er als politischer Extremist galt, sowie von Ingeborg Drewitz, die sich viel mit sozialen Randgruppen beschäftigt hat und kurze Zeit mit einer Berliner BZ-lerin zusammen lebte. 
Wenn gerade diese Aktion mich besonders berührte, dann liegt das daran, dass ich mit jedem Bein auf einer Seite stand. Die BZ-ler waren ja Kinder der Slumstürmerbewegung, wie ich sie in meinen ersten Dokumentarfilmen geschildert habe, und das Goethe-Institut war mittlerweile zu einem geistigen Zuhause für mich geworden. 
Die Aktion führte die Gedanken unweigerlich zurück zu den Buchverbrennungen der Nazis in den Dreißigerjahren, als die Höhepunkte der deutschen Kultur in Flammen aufgingen. Die Slumstürmer wären niemals in dieser Sackgasse geendet, denn sie hatten in der Schule Geschichte gelernt. Das hatten die BZ-ler nicht. Sie waren ein Produkt der geschichtslosen Wie-denkst-du-selbst-Pädagogik aus den Mülltonnen des 68er-Aufstands, was bedeutete, dass neue Generationen mehr über Comicfiguren als über Hitler wussten und zu den Kinderliedern von Poul Kjøller die Bongotrommel schlagen konnten, jedoch ohne Wissen über dänische Psalmen und Vaterlandslieder aufwuchsen. Und wer den Nazismus nicht kennt, läuft Gefahr, ihn in Krisensituationen zu wiederholen. 
Und genau hier liegt die unschätzbare Bedeutung des Goethe-Instituts. Indem es die Verbreitung des Besten, aber bisweilen auch des Kontroversesten, aus deutschem Film, Literatur, Theater und Musik unterstützt, trägt das Institut sowohl dazu bei, unser Geschichtsbewusstsein zu bewahren als auch uns besser in die Lage zu versetzen, unsere eigene Zeit zu verstehen, einschließlich der viele Episoden in der Gegenwart, die die Entwicklung im Deutschland der 1930er-Jahre wiederholen.

Christian Braad Thomsen,
geboren 1940, ist Filmregisseur und Autor mit besonderer Beziehung zur deutschsprachigen Welt. Er schrieb mehrere Bücher über Rainer Werner Fassbinder und führte bei der ersten Fassbinder-Vorstellung auf einer dänischen Bühne, Petra von Kants bitre tårer („Die bitteren Tränen der Petra von Kant“) (Århus, 1975), Regie. Außerdem hat er eine Biografie über Sigmund Freud geschrieben und Freuds Briefe auf Dänisch herausgegeben. Er führte Regie bei einem Dutzend Spiel- und Kurzfilmen, darunter „Drømme støjer ikke, når de dør“ (1979) („Dreams Don't Make Noise When They Die“) mit Irm Hermann in einer Hauptrolle. „Hvor mindets blomster gror“ (1991) erhielt den Preis für den besten Dokumentarfilm des Jahres und „Karen Blixen – storyteller“ (1996) den Preis für den besten Porträtfilm. Anlässlich von „Den Blå Munk“ (1998) erhielt er den Carl Th. Dreyer-Preis für sein Gesamtwirken in der Filmkunst.

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